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Prof. Dr. Peter Anselm Riedl

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   (Ordinarius em. für Neuere und Neueste Kunstgeschichte
    an der Universität Heidelberg)

 

 

 

Zum Projekt Skulpturen am Radweg - Kunst in der Landschaft (November 2004)

Radwege gibt es viele und Bildwerke, die in der Landschaft stehen, auch. Der Gedanke aber, einen Radweg so mit zeitgenössischen Skulpturen zu bestücken, daß er zu einem Ausstellungsort oder besser: einer Ausstellungsstrecke zeitgenössischer Kunst wird, darf zweifellos Originalität beanspruchen. Für den neuen Radweg im Bauland ist zweierlei angestrebt: Zum einen soll er rhythmisch durch Stationen gegliedert werden, die zu kürzerem oder längerem Verweilen einladen, die aber durchaus auch im Vorbeifahren erlebt werden können; zum anderen soll er die Benutzer mit Werken in Berührung bringen, wie sie ihnen in solchem Zusammenhang noch nie begegnet sind und wie sie vielleicht schon deshalb als Herausforderung empfunden werden.
Kunstfreunde mögen dabei Werke im Sinne haben, die sich mit bekannten Namen in Verbindung bringen lassen, und in der Tat stand am Anfang des Unternehmens die Idee, Aufträge an arrivierte Künstlerinnen und Künstler zu vergeben oder bereits bestehende Arbeiten solcher Personen anzukaufen. Angesichts des vorgegebenen Finanzvolumens und der marktüblichen Preise musste dieser Plan rasch verworfen werden. Statt dessen wurde ein Projekt entwickelt, das zwar einige Ungewissheiten enthält, dafür aber interessante Überraschungen verspricht. Studierende aus Meisterklassen von Kunstakademien, also Künstlerinnen und Künstler, die am Anfang ihres Berufsweges stehen, sollen die Chance erhalten, Gestaltungsvorschläge zu machen und diese Vorschläge, sofern von der Jury akzeptiert, auch zu verwirklichen.
Die Vielfalt der stilistischen Mitteilungsweisen hat im beginnenden einundzwanzigsten Jahrhundert ein Ausmaß erreicht, das Voraussagen über die zu erwartenden Lösungen nur sehr bedingt möglich macht. Seitdem sich im frühen zwanzigsten Jahrhundert die Kunst von den hergebrachten Methoden der naturnahen Wirklichkeitswiedergabe gelöst hat, wurden nicht nur neue Formenwelten erschlossen, sondern auch die bis dahin gültigen Gattungsgrenzen gesprengt. Im gleichen Zuge änderte sich die Einstellung zum Material: Zu den klassischen Werkstoffen wie Stein, Holz oder Bronze traten Materialien, die früher nicht als kunstwürdig galten oder die dem Repertoire der modernen Technik entstammten. Die Konstruktivisten setzen beispielsweise industrielle Materialien und Fertigungstechniken ein, die Dadaisten griffen auf Trivialobjekte und Fundstücke zurück, die Kinetiker bedienten sich aus dem Reservoir der Mechaniker und Ingenieure. Es war vor allem der Kunst der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts vorbehalten, die Qualitäten von Werkstoffen und zwar von traditionellen wie von neuen unter den verschiedensten Aspekten auszuloten und die Wirkung von dreidimensionalen Gebilden in größerem Architektur- und Landschaftszusammenhang zu erproben.
Alle diese Neuerungen verlangen dem Publikum die Bereitschaft ab, sich für neue Seh- und Auffassungsgewohnheiten zu öffnen und dabei die Mühen einer manchmal schwierigen Auseinandersetzung auf sich zu nehmen. Als Lohn bietet sich eine bedeutsame Erweiterung des sinnlichen und geistigen Horizonts an: die Fähigkeit nämlich, bis dahin unbekannte Formeigenarten wahrzunehmen, die eigene Phantasie produktiv einzusetzen und Kunstwerke als erkenntnisbringende Objekte schätzen zu lernen. Gerade in landschaftlicher Umgebung können Werke ob in gewollter Harmonie oder in absichtsvollem Kontrast mit der Natur Wirkungen entfalten, die ihnen so im Museums- oder Ausstellungsraum verwehrt bleiben.
Man weiß nicht, wie die insgesamt fünfundvierzig Studentinnen und Studenten die ihnen übertragene Aufgabe erfüllen werden. Sehr wohl darf man aber die Auswahl der Ausbildungsorte und der ausbildenden Personen als Qualitätsgarantie begreifen. Mit den Akademien in Stuttgart und Karlsruhe sind die zwei wichtigsten Kunsthochschulen des Landes Baden-Württemberg beteiligt, mit der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein in Halle eine für die Geschichte der modernen Plastik eminent wichtige Kunsthochschule eines neuen Bundeslandes. Die Professorin Andrea Zaumseil und die Professoren Werner Pokorny und Harald Klingelhöller stehen nicht nur für ein hohes Gestaltungsniveau ein, sondern auch für eine Liberalität, die vielerlei bildnerische Ansätze möglich erscheinen lässt. In der Tat kann man sich sehr unterschiedliche Lösungen vorstellen: mehr oder minder figurativen Formulierungen, abstrakte Arbeiten mit organischem oder aber konstruktivem Charakter, Werke, welche bestimmte Umgebungsbesonderheiten aufnehmen oder, ganz im Gegenteil, konterkarieren, Arbeiten, die fast unmerklich in die Natur eingreifen oder aus der Natur heraus entwickelt sind. Was die verwendeten Materialien angeht, wird man Beständigkeit erwarten, aber vielleicht nicht unbedingt verlangen dürfen. Die Dauerhaftigkeit einer Steinskulptur oder eines Metallobjekts, früher selbstverständliche Voraussetzung für eine Aufstellung im Freien, sind heute zuweilen weniger gefragt als ein Altern, das sich als Prozess verfolgen lässt und das Kunstwerk auf solche Weise an die Natur zurückbindet.
Gerade die Vielzahl möglicher Antworten macht das Unternehmen so spannend. Aus meiner Sicht wäre dem Skulpturen-Radweg ein Abwechslungsreichtum zu wünschen, der die Vielfalt der Ausdrucksformen gegenwärtiger Kunst widerspiegelt, ohne zum Eindruck der Zersplitterung zu führen. Doch die Gefahr, dass ein solcher Eindruck entsteht, ist angesichts der Einbettung der Werke in die wohl immer ihre Dominanz behauptende Landschaft gering. Vieles spricht dafür, dass den Befahrern des Radwegs ein Erlebnis ganz besonderer Art bevorsteht.

Peter Anselm Riedl



 
Skulpturen am Radweg - Eine Zwischenbilanz (April 2005)

In meiner Projektskizze vom vergangenen November entwarf ich ein sehr optimistisches Bild vom möglichen Ertrag eines Wettbewerbs unter AkademieStudierenden. Man wisse zwar nicht, wie die insgesamt fünfundvierzig eingeladenen Studentinnen und Studenten im einzelnen ihre Aufgabe erfüllen würden, aber die Auswahl der Ausbildungsorte und der ausbildenden Personen biete eine Qualitätsgarantie. Andrea Zaumseil, Professorin an der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein in Halle, Werner Pokorny, Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, und Harald Klingelhöller, Professor an der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, stünden nicht nur für ein hohes Gestaltungsniveau ein, sondern auch für eine Liberalität, die vielerlei Ansätzen eine Chance geben würde. Und gerade die Vielzahl potentieller Antworten mache das Unternehmen so spannend.
Daß diese Hoffnungen geradezu im Übermaß eingelöst wurden, beweist schon das statistische Faktum, daß sich die Jury für nicht weniger als achtzehn Arbeiten entschied und daß sie zeitweise sogar noch einige weitere für die Prämierung in Erwägung zog. Eine Zustimmungsquote von vierzig Prozent ist bei Konkurrenzen dieser Art ganz ungewöhnlich. Was der Quantität das eigentliche Gewicht gibt, ist allerdings der künstlerische Rang der eingereichten Modelle - die übrigens als solche durch bemerkenswerte Professionalität zu überzeugen wußten. Und der Rang definiert sich nicht zuletzt durch die Unterschiedlichkeit.

Da gibt es Arbeiten, die unmittelbar in den Wegverlauf eingreifen: sanftdekorativ, wie die flachschwellenartigen Bronzemarkierungen von Kestutis Svirlenis, oder dramatisch, wie die sich wellig aufwerfende Straßendecke von Andreas Kiessling; Arbeiten, die den Radweg in der Höhe kreuzen, wie die funktionslose, knöterichüberwucherte Drahtseilbrücke von Sebastian Reddehase, oder die wie aus diesem Weg hinauskatapultiert erscheinen, wie der gestrandete Opel Manta von Stefan Rohrer. Die meisten Werke sind dem Weg als mehr oder wenig nahe Begleiter zugeordnet, wobei es zu einer fiktiven Überquerung kommen kann, wie bei Ilka Berndts abstrakter "Wechselwild"-Gruppe, zu einer Randbesiedelung mit vielbeinigen surrealen Wesen, wie bei Elisabeth Howeys "Glück unterwegs auf der Suche nach", oder zur flankierenden Bestückung mit einem funktionsfeindlichen Sprungturm, wie bei Johannes Walds "Ohne Titel (Kirnaubad)".

Die Gruppe der wegbegleitenden Arbeiten ist vielgestaltig. Christian Friedrich verhilft zur Begegnung mit einem titellosen Gebilde, das geheimnisvoll auf Utopisch-Technisches und zugleich auf Insektenhaftes anspielt, Katrin Riedel deutet in ihrer "Luftschicht am Ufer" die transitorische Materialität von Luft oder Wasser als halbdurchsichtige Plastikmasse auf dem Rücken eines gefällten Stammes aus, Manuela Tirier bettet ein kubisch gefaßtes "Waldstück" aus Stahlrohrelementen in den realen Wald, Verena Frank vernetzt lasergeschnittene Silhouettendarstellungen heimischer Tiere und Pflanzen zu einem großen, golden glänzenden Knäuel. Daniel Beerstecher setzt auf ein kargeres Prinzip, wenn er einen Eichentorso lamellenartig zersägt, dann mit einem Metallkern ausstattet und als eine Art Denkmai seiner selbst rekonstruiert.

Strategien surrealer Überraschung finden sich auf ganz unterschiedliche Weise zur Geltung gebracht. Bei der titellosen Arbeit von Andreas Blank wecken zwei Sitzbänke aus hellem Granit und ein neben ihnen abgestellter Basaltkoffer so etwas wie Godot-Empfindungen. Zu einem "Paar im Park" werden nach dem Willen von Jan Löchte zwei Straßenlaternen - als technische Gebilde wohlvertraut, aber als Paar in der offenen Landschaft, das zudem Verse aus Shakespeares "Romeo und Julia" in Form von Morse-Signalen von sich gibt, in höchstem Maße frappierend. Das "Gerüst" von Rudolf Reiber erkennt man wohl erst auf den zweiten Blick als eine Leerform, die inmitten von Wiesen und Äckern die Abwesenheit eines Hauses anzeigt, indem sie dessen Umrißgestalt aufruft. Ebenso humor- wie poesievoll wendet sich Jenny Rempel mit ihrem Ensemble "Hinab durch die Mitte" an die Betrachterphantasie: Was sich zunächst als Brunnen am Wegesrand ausgibt, verhilft zum größtdenkbaren Durchblick - nämlich zum Blick mitten durch die Erdkugel bis zum südlichen Sternenhimmel.

Etwas weniger weiträumig sind die von zwei anderen Arbeiten eröffneten Perspektiven. Ich denke an die beiden großen Klammerpaare aus Leichtmetall, die Veronika Rettich so im Freien positioniert, dass, je nach Standpunkt, Ausschnitte der Landschaft gerahmt erscheinen - und damit ironischerweise auch relativiert, eben "in Klammer gesetzt". In der titellosen Gemeinschaftsarbeit von Johannes Vogl und Thomas Straub ist ein Verkehrsschild auf hohem Mast zum Träger einer ausschnitthaften Baumdarstellung umfunktioniert, die, abhängig vom Blickwinkel, optisch mit einem real vorhandenen Baum verschmilzt.
Schon diese knappe Charakterisierung kann eine Ahnung von dem geben, was den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Wettbewerbs in einer verhältnismäßig kurzen, aber offensichtlich intensiv genutzten Vorbereitungszeit gelungen ist. Das Unternehmen ist jetzt in die Ausführungphase getreten. Wir dürfen uns, denke ich, auf die Resultate freuen.

Peter Anselm Riedl